Anja Trinklein
Heilpraktikerin
Praxis für Klassische Homöopathie

Anamnese - Anamneseerhebung bei Tumorpatienten

Auszug aus:

Dr. med. Jens Wurster: Die homöopathische Behandlung und Heilung von Krebs und metastasierter Tumore

"Um Krebs zu behandeln, müssen wir versuchen, alle Ebenen der Krankheitsentwicklung beim Patienten zu ermitteln. Es ist notwendig, möglichst viele Informationen und Symptome des Patienten zu erfassen, welche uns Hinweise auf das Arzneimittel geben könnten. Eine gründliche Erstanamnese dauert meist mehrere Stunden. Wenn alle Symptome und Beschwerden genau und wortwörtlich aufgezeichnet worden sind, dann erst beginnt man mit der Analyse der Symptome. Wenn man Krebs behandelt, ist es wichtig, dass man sich schon von Anfang an ein Behandlungskonzept erarbeitet, in dem schon mögliche Folgemittel und spezielle Tumor-mittel berücksichtigt sind, sodass man beim Auftreten spezieller Symptome immer gleich reagieren kann. In einer umfassenden Anamnese sollten folgende Bereiche unbedingt ausführlich abgefragt werden:

Konstitutionsanamnese

Die Konstitutionsanamnese dient zur Erfassung aller Symptome, die der Patient aufweist. Es sind dabei die aktuellen beschwerdebereitenden Symptome sowie die alten längst vergangenen Symptome zu erkunden. Die Biografie des Menschen und alle seine durchgemachten Erkrankungen und Therapien im Laufe der Jahre müssen erfasst werden. Wir benötigen die Gesamtheit der Zeichen und Symptome des Menschen und der Erkrankung.

Miasmen - Miasmatische Anamnese

Es ist bei der Behandlung von Krebs besonders wichtig, die Miasmen, die eine mögliche Komplizierung im Krebsgeschehen darstellen können, zu berücksichtigen. Es ist wichtig, alle miasmatischen Zeichen und Symptome des Patienten zu erfassen. Dabei ist es im Besonderen wichtig, die nun aktiven miasmatischen Symptome herauszuarbeiten, weil wir meist mit dem Arzneimittel zu beginnen haben, welches die Symptome des aktiven Miasmas berücksichtigt. Dabei ist es auch wichtig, die miasmatischen Hintergründe über mehrere Generationen zu erfassen, ob z.B. eine Tuberkulose in der Familie vorkam. Es kann manchmal sein, dass wir zwar ein gutes Mittel aufgrund von bestehenden Symptomen gefunden haben, aber das Mittel nicht wirkt. Dann muss man sich fragen, ob es nicht eine Blockade z.B. durch eine Tuberkulose, durch eine vorausgegangene Infektion oder durch eine Impffolge gibt, die man zuerst behandeln muss, damit dann später das angezeigte Mittel wirken kann.

Unterdrückung - Unterdrückungen

Ein sehr wichtiges Gebiet sind die Unterdrückungen, da man eine Krankheit meist mit einer unterdrückenden Maßnahme auf eine andere, tiefere Ebene verschiebt, die dann noch schwerer zu heilen ist. Wie oft können wir in der Vorgeschichte von Krebspatienten Unterdrückungen aller Art finden. Es gibt unzählige Fälle, bei denen die Lebenskraft immer wieder versucht, die Krankheit an die Oberfläche (Haut, Absonderungen etc.) zu bringen und der leider unwissende Praktiker, der um diese Zusammenhänge nicht weiß, immer wieder unterdrückende Maßnahmen verwendet. Hahnemann gibt im "Band 1 Chronische Krankheiten" sehr viele Beispiele, was für schreckliche Folgen die Unterdrückung haben kann. Heutzutage werden immer noch Hautausschläge mit Kortison behandelt, Warzen weggeschnitten, Leukorrhoe mit Spülungen behandelt, ohne dass man die schlimmen Folgen für die Gesundheit erkennt. Erst die gründliche Anamnese zeigt manchmal, dass bestimmte Krankheiten und auch Krebs erst nach Unterdrückungen entstanden sind. Ich hatte eine Patientin mit sehr starker Leukorrhoe, die über lange Zeit medikamentös behandelt wurde. Nachdem die Leukorrhoe verschwunden (unterdrückt = Unterdrückung) war, entwickelte die Patientin eine nervöse innere Unruhe, Herzrasen und Schlafstörungen. Nach weiteren zwei Monaten war sie ständig gereizt und bekam Weinkrämpfe. Nach einem Jahr entwickelte sie einen Brustknoten. So kam die Patientin dann zu mir und wollte den Tumor homöopathisch behandelt haben. Was macht man nun? Wenn man den Tumor nun operieren würde, dann hätte man nicht die Ursache des Brustknotens behandelt und er würde wahrscheinlich wiederkommen. Wäre mit einer Operation der psychische Zustand der Frau geheilt? Sicher nicht. Als wirklich denkender Arzt ist es unsere Aufgabe, die Ursache der Erkrankung zu erkunden und wir müssen diese Krankheitsentwicklung bis zu ihrem Ursprungsort zurückverfolgen. Was ist bei dieser Frau geschehen?

Die starke Leukorrhoe ist ein Zeichen, dass etwas mit den Unterleibsorganen der Frau nicht in Ordnung ist und die Leukorrhoe ist ein Ventil, um ein Fortschreiten einer inneren Krankheit zu verhindern. Was passiert nun?
Das Ventil wird quasi verschlossen, das heißt, die Leukorrhoe wurde unterdrückt. Es muss sich die Krankheit nun verlagern und es entsteht die für die Sykose typische Unruhe und Reizbarkeit.

Die Krankheit wurde auf eine tiefere Ebene unterdrückt. Oftmals entstehen nach unsachgemäßer Behandlung von Unterleibsbeschwerden Brustknoten. Genau wie in unserem Beispiel erfolgt eine Unterdrückung mit einer Aktivierung der Sykose und als Endresultat haben wir den Tumor. Unter der Therapie von Sepia besserte sich erst die psychische Situation, dann trat der alte Ausfluss wieder auf und dann verschwand der Brustkoten.

Impfung - Impfungen Es ist wichtig, dass wir alle Reaktionen auf die Impfungen erfassen, ob es Schwellungen oder Eiterungen gegeben hat. Es ist aber genauso wichtig, wenn eine Impfung nicht angegangen ist. Manchmal hatte sich z.B. bei der Pockenimpfung an der Impfstelle keine Narbe gezeigt. Das heisst, von dem Zeitpunkt an kann eine Blockade im Organismus entstanden sein, die wir berücksichtigen müssen, wenn unsere angezeigten Mittel nicht wirken. Oftmals bewährt sich Thuja, um diese Blockaden aufzuheben, aber es ist wichtig, die Rubrik Impffolgen im Repertorium zu betrachten, denn dann sehen wir, dass z.B. Sulfur, Silicea und andere Mittel auch in der Lage sind, die Impffolgen zu beseitigen. Ich hatte ein Kind in Behandlung, welches nach der Impfung eine Epilepsie entwickelte, die mithilfe von Silicea zum Verschwinden gebracht werden konnte.

Belastungen durch Noxen, Viren, Ernährungsfehler etc. berücksichtigen Wenn ein Mensch ständigen Noxen, Zigarettenrauch, Abgasen etc. ausgesetzt ist, wird er in seinen immunologischen Funktionen beeinträchtigt sein und bestimmte Reaktionen und Symptome entwickeln. Hahnemann schreibt schon in § 4 des Organons, wie wichtig es ist, die krankheitserhaltenden Ursachen zu entfernen. Genauso kann eine chronische EBV-Infektion zu einer Schwächung des Immunsystems führen und den Boden für den Krebs bereiten. Die Ernährungsfehler sind ein wichtiges Thema und sollten mit dem Patienten ausführlich besprochen werden, z.B. sollten Trans-Fettsäuren bei Brustkrebs vermieden werden. Die Ernährung des Krebskranken ist ein riesiges Thema und würde hier den Rahmen dieses Buches sprengen.

Vorausgegangene Therapien und deren Reaktionen und Folgen

Das ist ein sehr wichtiger Punkt, wenn man Krebspatienten behandelt, da oftmals durch die vorausgegangenen Therapien, Operationen, Bestrahlungen oder Chemotherapien die Symptome und Beschwerden völlig verändert sind und nicht mehr von dem Grundmittel oder dem Tumormittel abgedeckt werden. Wenn man nun die Totalität aller Symptome nehmen würde, könnte es eine Vermischung von mehreren Ebenen sein und uns vom guten Mittel wegführen. Es kann sein, dass die aktuellen Beschwerden eine Folge der Chemotherapie sind und die Tumorsymptome sind weniger präsent. Dann ist es wichtig, zuerst die Folgen der Chemotherapie oder Bestrahlung zu behandeln (siehe Kapitel: Die homöopathische Begleittherapie bei Chemotherapie oder bei Bestrahlungen). Später werden sich dann wieder Symptome zeigen, die das nachfolgende Mittel anzeigen.

Die spezielle Tumoranamnese

Zu einer umfassenden Anamnese gehört natürlich auch die Untersuchung des Tumors. Es finden sich so viele Zeichen und Symptome am Tumor selbst, dass man manchmal nur aufgrund der lokalen Symptome Hinweise auf ein gutes Arzneimittel bekommt. So ist es z.B. möglich, dass lokale Symptome am Tumor, wenn sie auffällig oder ungewöhnlich sind, zu § 153 Symptomen werden und eine große Gewichtung in der Gesamtbeurteilung erlauben. Allein die genaue Untersuchung liefert uns oft schon so viele Hinweise, um gute Rubriken herauszufinden. Es zeigt sich manchmal im Tumorgeschehen selbst eine individuelle Symptomatik, die direkt auf das Heilmittel führen kann.

Welche Beschaffenheit hat der Tumor?

Es ist wichtig, dass wir den Patienten genau untersuchen und mit unseren Sinnen genau erfassen, wie der Tumor beschaffen ist. Ist der Tumor hart, steinhart, käsehart, weich, schwammig, zystisch, ist die Oberfläche höckerig oder spüren wir eine Kapsel? Es gibt dafür im Repertorium genaue Rubriken, die uns dann schon Hinweise auf das Mittel geben können. Das können Symptome lokal am Tumor selbst sein (z.B. jucken, stechen, brennen, Verfärbungen). Wenn z.B. eine Frau berichtet, dass sie sechs Monate bevor sie einen Knoten in der Brust spürte, immer ein furchtbares Jucken in der Brust gehabt hat, dann kann das unter anderem ein Hinweis auf Conium sein. Wenn wir Hinweise auf eine eventuelle Conium-Pathologie haben, dann fragen wir gleich, ob es mal einen Schlag auf die Brust gegeben hat. Conium und Bellis-perennis sind die besten Mittel, wenn Tumore als Folge einer Verletzung oder eines Stoßes aufgetreten sind.

Symptome seit der Tumorerkrankung

Wir finden nicht nur lokale Veränderungen oder wachsende Tumore, sondern wir finden oft seit der Tumor-Manifestation oder schon eine ganze Zeit vorher systemische Veränderungen, die den ganzen Menschen betreffen. Das können u.a. Schwindel, Visusveränderungen, Veränderungen im Schlafverhalten etc. sein. Wenn wir in der Anamnese erfahren, dass ein Mensch nie große Ängste hatte und plötzlich ein paar Monate vor oder seit des Auftretens des Tumors Angstzustände bekommen hat, dann sind das sehr hochwertige Gemütssymptome, die in sehr engem Bezug zu seinem Heilmittel stehen müssen.
Deshalb müssen wir immer genau hinterfragen, ob es seit der Tumorerkrankung Veränderungen in der Gemütsverfassung gibt.
Das können spezielle Ängste, Sorgen, Träume, Wut, Reizbarkeit, vermehrtes Weinen, Abneigung oder Suche nach Trost etc. sein, dann sind diese Symptome u.a. in einer direkten Konstellation mit dem Tumorgeschehen zu sehen und sollten von unserem Arzneimittel gedeckt werden.

Anamneseerhebung bei Tumorschmerzen

Man kann manchmal, wenn man sich auf die aktuellen Schmerzsymptome konzentriert, schnell ein Heilmittel finden, welches nicht nur für die Schmerzen hilft, sondern auch eventuell für den Tumor. Wir müssen uns immer vor Augen halten, dass wir nicht wie in der Schulmedizin ein Schmerzmittel geben, welches unsere Schmerzempfindung reduziert, sodass man den Schmerz nicht mehr spürt, sondern wir geben ein inneres Mittel, welches einen inneren gestörten Zustand beeinflusst und aufgrund dessen reguliert sich der Schmerz und wird erträglicher. Tumorschmerzen können sehr individuell sein und liefern wiederum Hinweise auf die Heilmittel. Bei der Behandlung von Krebs ist es wichtig, dass wir die vorherrschenden belastenden Symptome zuerst behandeln. Wenn ein Patient Schmerzen hat, dann möchte er diese als Erstes loswerden. Es ist ganz wichtig, das Verhalten des Patienten bei den Schmerzen zu beobachten. Wir bekommen durch diese Beobachtung wertvolle Hinweise auf das Arzneimittel.

Was müssen wir einen Tumorpatienten, der Schmerzen hat, grundsätzlich fragen?

A) WIE sind die Schmerzen?
Die Art des Schmerzes, z.B. stechend, drückend, reißend, brennend, pulsierend, hämmernd etc.
B) WO sind die Schmerzen?
Den genauen Ort des Schmerzes, z.B. stechender Schmerz hinter dem Auge, stechender Schmerz unterhalb des rechten Schulterblattes.
Die genaue Erstreckung des Schmerzes, z.B. Brustschmerz erstreckt sich in den Rücken, Leberschmerz erstreckt sich zur Schulter etc.
C) WANN sind die Schmerzen?
Wann kommen die Schmerzen? Z.B. morgens, nach Mitternacht, vor Sturm, bei Vollmond, bei Wetterwechsel etc.
D) WAS bessert oder verschlimmert die Schmerzen?
Die meisten Patienten machen instinktiv und oft unbewusst etwas, um ihre Schmerzen zu lindern. Gerade diese Verhaltensweisen sind ganz hochwertig für die Mittelfindung. Es ist von großer Bedeutung ob jemand z.B. bei einem Magenkarzinom Kälte nicht vertragen kann und nur warme Auflagen möchte.
Ob der Patient die Hand auf die betroffene Stelle legt oder ob schon die leichteste Berührung unerträglich ist. Manche Patienten wollen starken Druck an der schmerzhaften Stelle oder legen sich auf die schmerzhafte Stelle. Es ist wichtig, ob die Schmerzen durch Bewegung gebessert oder verschlimmert werden. Des Weiteren sind spezielle Tages- oder Nachtzeiten, Erregung, Ängste, Denken an die Beschwerden etc. mit in die Beurteilung einzubeziehen. Wir finden dafür im Repertorium viele gute Rubriken.
E) Wie verhält sich der Patient während Schmerzen?
Zum Beispiel: ruhelos, ängstlich, weinend, zitternd, frierend, stöhnend etc.
F) Gibt es Veränderungen in der Gemütsverfassung während der Schmerzen?
Da gibt es gute Hinweise auf die Arzneimittel, wenn wir Reizbarkeit bei Schmerzen (Nux-vom., Cham., Ars.) vorfinden oder wenn eine Suizidneigung durch die Schmerzen besteht (Nux-vom.) oder durch Ängstlichkeit bei Schmerzen..
G) Gibt es Veränderungen im Appetit oder Durst?
Es ist sehr wichtig, ob jemand völlig durstlos ist oder ob er große Mengen trinken möchte oder ob er nur noch kleine Schlückchen trinken kann. Wenn z.B. ein Patient mit Magenschmerzen nur noch eiskaltes Wasser trinken möchte, welches die Schmerzen lindert (Phosphor), dann ist das sehr auffällig und als §-153-Symptom zu werten. Wir können zudem manchmal beobachten, ob Schmerzen nur durch Essen gebessert werden oder ob der Appetit ganz fehlt.
H) Begleitumstände?
Zum Beispiel Narbenschmerz bei Wetterwechsel (Carbo-animalis).

Bei genauer Tumoranamnese finden sich immer Dutzende von guten Symptomen. Man muss sie nur wahrnehmen. Hahnemann meinte, als er von der einseitigen Krankheit bei Krebs sprach, dass manchmal chronische Symptome nicht mehr auftreten und sich das Bild in eine andere Richtung verschiebt. Wir sehen, dass allein die Tumoranamnese, insofern sie gründlich erfolgt, schon eine Vielzahl guter Symptome an das Tageslicht bringen kann. Aber die Tumoranamnese ist nur ein kleiner Puzzlestein einer langen ausführlichen Anamnese, die uns dann letztlich die Basis zur Auffindung des passenden Heilmittels liefert."




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