Anja Trinklein
Heilpraktikerin
Praxis für Klassische Homöopathie

Die Krebsbehandlung in der Homöopathie

Auszug aus:

Dr. med. Jens Wurster: Die homöopathische Behandlung und Heilung von Krebs und metastasierter Tumore

"Die Krebsbehandlung gehört wohl zu den größten Herausforderungen in der Homöopathie, da man sehr gewissenhaft arbeiten muss, um die richtige Arzneimittelwahl zu treffen, damit man das Tumorgeschehen günstig beeinflussen kann, um letztendlich auch Tumore heilen zu können. Bei der homöopathischen Krebsbehandlung ergeben sich oftmals Schwierigkeiten zu erkennen, welche Symptome man zur Mittelwahl heranziehen soll. Wenn Patienten initial mit einem Tumor zu uns in die Klinik kommen, der noch nicht vorbehandelt ist, haben wir meist ein klareres Bild der allgemeinen Symptome des Patienten und der Tumorsymptome und wir können somit leichter die Mittelwahl treffen. Es hat sich über die Jahre gezeigt, dass die beste Konstellation bei der Krebsbehandlung die ist, wenn das Konstitutionsmittel des Patienten auch dem Tumormittel entspricht. Das heißt, wenn die jetzt angezeigten Symptome des Patienten einerseits die aktuellen Tumorsymptome und andererseits die historischen Symptome des Patienten decken. Aber was machen wir, wenn der Fall miasmatisch kompliziert ist, oder wann muss oder darf man organotrop behandeln? Ich werde später in den Fallbeispielen alle Ebenen der Krebsbehandlung genau erklären. Machen wir aber zuerst einen kleinen Rückblick in die Geschichte, wer denn überhaupt schon Krebs homöopathisch behandelt hat und mit welchen Erfolgen. Sind es verschiedene Konzepte gewesen, spezielle Dosierungen oder ganz spezifische Mittel, welche Krebsheilungen vollbracht haben? Wir müssen natürlich bei Hahnemann beginnen, der uns mit der 6. Auflage des "Organon der Heilkunst" ein großartiges Werkzeug in die Hand gegeben hat. Wir betrachten zuerst einige Paragrafen aus dem Organon, die für die Behandlung von Krebs wichtig sind."

Dazu schreibt Hahnemann im (Organon § 171)

"In den unvenerischen, folglich am gewöhnlichsten, aus Psora entstandenen chronischen Krankheiten, bedarf man zur Heilung oft mehrerer, nacheinander anzuwendender antipsorischer Heilmittel, doch so, dass jedes folgende dem Befunde der, nach vollendeter Wirkung des vorgängigen Mittels übrig gebliebenen Symptomengruppe gemäß, homöopathisch gewählt werde."

Das ist ein wichtiger Paragraf, der uns zeigt, dass es nicht unbedingt ein Heilmittel, das sogenannte Similimum gibt, das den ganzen Fall heilt, sondern dass es Fälle gibt, bei denen man verschiedene Heilmittel verwenden muss. Wenn das zuerst angewendete Mittel seine Wirkung vollendet hat, dann kommt ein neues Mittel, welches eine andere Wirksphäre hat, die genau auf die übrig gebliebene Symptomengruppe wirkt, an die Reihe. Wir können oft in der Klinik beobachten, dass zum Beispiel Patienten mit Tumorschmerzen nach dem Rückgang der Schmerzen andere tief wirkende Mittel gegeben werden müssen oder dass aktuelle Symptome verschwinden und dann chronische Symptome hartnäckig bleiben.

In der Geschichte der Homöopathie gab es Dr. J. C. Burnett (1840-1901), der ein Spezialist für solche Mittelreihen war. Er hatte bei seinen Tumorfällen viele Ebenen der Krankheitsentwicklung, miasmatische Einflüsse, Impffolgen oder eine spezielle Ursache (Causa) mitberücksichtigt und hat Schritt für Schritt schwerste Tumore behandelt.

Bleiben wir aber noch bei Hahnemann, bei den § 172 und § 173, in denen er über die einseitigen Krankheiten spricht. Mit einseitiger Krankheit ist der Krebs gemeint. Oft hört man von vielen Homöopathen, dass man Krebs nicht behandeln kann, da wir keine Symptome hätten, auf die wir unsere Arzneimittelwahl stützen könnten.

Dazu schreibt Hahnemann in § 172 "Eine ähnliche Schwierigkeit entsteht von der allzu geringen Zahl der Symptome einer zu heilenden Krankheit, ein Umstand der unsre sorgfältige Beachtung verdient, da durch seine Beseitigung fast alle Schwierigkeiten dieser vollkommensten aller möglichen Heil-Methoden (wenn man den noch nicht vollständigen Apparat homöopathisch gekannter Arzneien abrechnet) gehoben sind."

Organon § 173
"Bloß diejenigen Krankheiten scheinen nur wenige Symptome zu haben, und deshalb Heilung schwieriger anzunehmen, welche man einseitige nennen kann, weil nur ein oder ein paar Hauptsymptome hervorstechen, welche fast den ganzen Rest der übrigen Zufälle verdunkeln. Sie gehören größtenteils zu den chronischen."

Wir haben in jedem Krebsfall eine Menge Symptome, aber es besteht die Schwierigkeit, genau die Symptome herauszufiltern, welche das Krebsgeschehen repräsentieren. Gerade bei fortgeschrittenen Fällen, wenn wir die Ebene der Totalität bzw. der Gesamtheit der Symptome überschritten haben, weil die Krankheit einseitig geworden ist, ist es besonders schwierig. Dann ist es aber wichtig, die jetzt aktuell vorherrschende Symptomengruppe zu nehmen, die im direkten Zusammenhang mit dem Krebsgeschehen steht. Das zu wählende Mittel muss der Hauptbeschwerde des Patienten und den dazugehörigen Symptomen entsprechen. Von vielen Behandlern hört man oft, dass man Krebs nicht mehr behandeln könne, da die Lebenskraft zu schwach sei, um noch Symptome zu produzieren und die Krankheit zu einseitig geworden ist. Aber das ist natürlich falsch, man muss nur eine Trennung vornehmen zwischen den chronischen Symptomen und solchen die uns aktuell auf das Krebsgeschehen aufmerksam machen.
Es gibt immer Symptome bei Krebs, wir müssen sie nur entdecken.

Dazu schreibt Hahnemann in § 175
"Bei den einseitigen Krankheiten ersterer Art, liegt es oft bloß an der Unaufmerksamkeit des ärztlichen Beobachters, wenn er die Zufälle, welche zur Vervollständigung des Umrisses der Krankheitsgestalt vorhanden sind, nicht vollständig aufspürt."

Wir müssen also aufmerksam sein und alle unsere Sinne einsetzen, um die eigentümlichen Symptome herauszufiltern, das ist sehr wichtig.

Dazu schreibt Hahnemann in § 178
"Es wird sich zwar wohl zuweilen treffen, dass diese, mit sorgfältiger Beobachtung des homöopathischen Gesetzes gewählte Arznei, die passend ähnliche künstliche Krankheit zur Vernichtung des gegenwärtigen Uebels darreiche, welches um desto eher möglich war, wenn diese wenigen Krankheitssymptome sehr auffallend, bestimmt, und von seltener Art oder besonders ausgezeichnet (charakteristisch) sind."

Diese wenigen, auffallenden, charakteristischen Symptome müssen wir herausarbeiten, das ist wahr. Deswegen ist es so wichtig, ausführliche Anamnesen zu erheben, um die Gesamtheit aller Symptome zu erhalten. Dann muss man aber noch die Totalität aller chronischen Symptome betrachten und dann die Symptome, die direkt mit dem Krebs zu tun haben. Dann die aktuellen und letztlich die miasmatischen Symptome. Also, es scheint auf einmal kompliziert? Welche Symptome nehmen wir nun, wenn wir Krebs behandeln? Wieso soll die Totalität der Symptome auf einmal nicht mehr genügen, wenn wir Krebs behandeln?

Was schreibt dazu J. C. Burnett in seinem schönen Büchlein über "Die Heilbarkeit von Tumoren durch Arzneimittel"?

"Der Behauptung, dass die Krankheit sich ganz in den Symptomen ausdrückt, kann ich nicht zustimmen, weil es nicht wahr ist: Das kann so sein oder es kann nicht so sein. Es ist nicht genug die Totalität der Symptome abzudecken; denn wenn dies getan worden ist, haben wir erst die Hälfte hinter uns und müssen danach folgende Fragen stellen: Was ist die wahre Natur, die natürliche Vorgeschichte, die Pathologie der Krankheit, über die wir nachdenken? Was hat sie verursacht? Ist die Ursache noch vorhanden oder schon verschwunden? Ist das ausgewählte Mittel tauglich, eine wirklich ähnliche Krankheit zu produzieren wie die, die wir vor uns ha-ben? Ist es tatsächlich wirklich homöopathisch zu dem krankhaften Prozeß übereinstimmend entsprechend und erreicht es ihn von Anfang bis Ende? Wenn nicht, dann sind wir auf der falschen Fährte, wenn es darum geht wirklich zu heilen und nicht nur zu lindern."
Da merkt man, dass Burnett ein Kliniker war, der wirklich mit Krebspatienten gearbeitet und schwerste Fälle behandelt hat und sich nicht von festgemauerten Theorien abschrecken ließ, neue Wege zu durchdenken und zu beschreiten, um den Menschen zu helfen. In der Klinik haben wir oft die Diskussion, welche Symptome wir nehmen, wenn wir einen neuen Krebsfall behandeln. Wenn das Mittel, welches die Totalität der Symptome, auch die Krebssymptome, abdeckt, dann sind wir ganz froh und in 70 % der Fälle ist das der richtige Weg, Krebs zu behandeln. Das ist eine wichtige Basis, die mein Lehrer Dr. Spinedi zu Recht vertritt und lehrt. Es gibt aber auch Spezialfälle, in denen die Totalität nicht mehr ausreicht und man dann organotrop oder miasmatisch behandeln muss.
Ein anderes Vorgehen ergibt sich auch, wenn man eine auslösende Causa hat oder das Mittel die Pathologie nicht treffen kann.

Was für andere Ebenen außer der Totalität kann es noch geben, die uns helfen, und warum drückt sich die Krankheit nicht immer in den Symptomen aus? Bei der Beantwortung dieser Frage hilft uns wieder J. C. Burnett:

Der Haltepunkt der Wirkung

Der Haltepunkt der Wirkung eines Mittels beschreibt denjenigen Punkt in einem krankhaften Prozess, hinter den es nicht gehen kann, z.B. wenn wir eine Pneumonie behandeln und die Symptome klar für Phosphor sprechen, dann wird Phosphor heilen, wenn es sich um eine Pneumonie handelt, die in der Wirksphäre von Phosphor ist. Wenn aber die Ursache der Pneumonie ein Fremdkörper, z.B. ein Nagel, gewesen ist, dann wird Phosphor nicht mehr heilen können. Der Nagel stellt quasi den Haltepunkt des Mittels dar. Dazu kann man sich den Fall von Burnett etwas genauer betrachten, bei dem er ein junges Mädchen behandelte, welches an wiederholten Anfällen von Kongestionen des Gehirns litt: "Es schoß ihr heiß und rot ins Gesicht; ihre Pupillen waren weit und offen; sie war ruhelos; sie warf sich umher und redete Unsinn. Das war ein schönes Bild einer Belladonna Vergiftung und daher wurde jedes Mal Belladonna gegeben und es heilte jedes Mal." Aber dann wirkte Belladonna bei einem der Anfälle nicht mehr und das Mädchen starb. Warum? Die Ursache waren Tuberkel im Gehirn. Die Symptome sprachen klar für Belladonna, aber Belladonna schaffte es nur, die Symptome zu beseitigen, war aber nicht in der Lage, den tiefer liegenden pathologischen Prozess zu beeinflussen, sodass die Krankheit im Verborgenen weiterlief und die Patientin letztendlich starb. Belladonna ist kein Mittel, das fähig ist, einen krankhaften Prozess der der Tuberkulose ähnlich ist, hervorzurufen und deshalb bestand in diesem Fall der Haltepunkt genau an der Stelle, an der ein miasmatisches Mittel die Heilung hätte vollbringen können. Deswegen ist es so wichtig, dass wir die Anamnese gründlich erheben und alle Hinweise für eine gute Therapie aufnehmen.

Burnett schreibt auch, dass die Totalität der Symptome für ihn eine wissenschaftliche Palliation darstellt, da es nicht genügt, nur die Symptome des Patienten wegzunehmen. "Wenn der Wirkungsbereich eines Mittels nicht der Krankheit selbst entspricht, dann resultiert daraus keine echte Heilung, und dabei spielt es keine Rolle, wie viele Symptome man zum Schweigen bringt." "Um eine Krankheit mit Arzneimitteln zu heilen, müssen die Mittel in einer gewissen Beziehung zu dem Krankheitsprozeß selbst stehen, und da spielt es keine Rolle, ob die Sym-ptome den Prozeß erkennen lassen oder nicht. Wenn die Symptome den krankhaften Prozeß richtig beschreiben, dann genügen die Symptome."

Das ist genau das, was uns auch Hahnemann gesagt hat, um noch einmal kurz auf den § 172 einzugehen: ... allzu geringen Zahl der Symptome einer zu heilenden Krankheit... Das ist ganz wichtig, das bedeutet, dass wir bei den einseitigen Krankheiten wie Krebs wenige Symptome der zu heilenden Krankheit haben. Das heißt, wir haben eine Menge Symptome, aber die der zu heilenden Krankheit sind gering und die müssen wir herausfinden. Und das Mittel muss genauso im Wirkungsbereich der zu heilenden Krankheit sein. Deswegen kann manchmal ein Mittel, wenn es aufgrund der Totalität der Symptome gewählt wurde, nicht heilen, wenn der Wirkungsbereich der zu heilenden Krankheit nicht mit berücksichtigt ist. Unser Mittel muss auch Bezug zum Krebsgeschehen haben.

Man erkennt schon, wie vielschichtig die Krebsbehandlung ist und ich werde in diesem Buch anhand meiner Krebsfälle viele Ebenen vorstellen, die dieses verdeutlichen. Burnett hat sicher Recht, aber in den meisten Fällen in der Klinik haben wir Erfolge in der Krebsbehandlung mit Mitteln erzielt, die aufgrund der Totalität der Symptome ausgewählt wurden. Allerdings sind dies dann meist unkomplizierte Fälle.

Wenden wir uns wieder Hahnemann zu, was dieser über die Ursache von Lokalübeln und Krebs schreibt § 201

"Offenbar entschließt sich (instinktartig) die menschliche Lebenskraft, wenn sie mit einer chronischen Krankheit beladen ist, die sie nicht durch eigne Kräfte überwältigen kann, zur Bildung eines Local-Uebels an irgend einem äußern Theile, bloß aus der Absicht um, durch Krankmachung und Krankerhaltung dieses zum Leben des Menschen nicht unentbehrlichen äußern Theils, jenes außerdem die Lebensorgane zu vernichten und das Leben zu rauben drohende, innere Uebel zu beschwichtigen und, so zu sagen, auf ein stellvertretendes Local-Uebel überzutragen, es dahin gleichsam abzuleiten. Die Anwesenheit des Local-Uebels, bringt auf diese Art die innere Krankheit vor der Hand zum Schweigen, ohne sie jedoch weder heilen, noch wesentlich vermindern zu können. Indessen bleibt immer das Local-Uebel weiter nichts, als ein Theil der Gesamtkrankheit, aber ein, von der organischen Lebenskraft einseitig vergrößerter Theil derselben, an eine gefahrlosere (äußere) Stelle des Körpers hin verlegt um das innere Leiden zu beschwichtigen. Es wird aber wie gesagt, durch dieses, die innere Krankheit zum Schweigen bringende Lokal-Symptom, von Seiten der Lebenskraft für die Minderung oder Heilung des Gesammt-Uebels so wenig gewonnen, dass im Gegentheile dabei das innere Leiden dennoch allmälig zunimmt und die Natur genöthigt ist, das Local-Symptom immer mehr zu vergrößern und zu verschlimmern, damit es zur Stellvertretung für das innere, vergrößerte Uebel und zu seiner Beschwichtigung noch zureiche. Die alten Schenkelgeschwüre verschlimmern sich, bei ungeheilter, innerer Psora, der Schanker vergrößert sich bei noch ungeheilter, innerer Syphilis und die Feigwarzen vermehren sich und wachsen, so lange die Sykosis nicht geheilt ist, wodurch die letztere immer schwieriger und schwieriger zu heilen wird, so wie die innere Gesamtkrankheit mit der Zeit von selbst wächst."

Was bedeutet das?

Das ist ein interessanter Ansatz, wenn wir davon ausgehen, dass der Organismus das Lokalübel selbst produziert, um etwas Höheres zu schützen, aber das Lokalübel - der TUMOR - ist Teil der GESAMTKRANKHEIT. Das bedeutet normalerweise, dass das Grundmittel aufgrund der Totalität der Symptome diesen Prozess heilen könnte. Ja und das ist auch so, aber meist nur in den nicht miasmatisch komplizierten Anfangsstadien. Denn es kann sein, wenn der Krebs weiter voranschreitet, dass dieser nicht mehr durch Arzneimittel, welche die Gesamtkrankheit, also auch die Totalität der Symptome abdecken, geheilt werden kann.

Der Krebs muss dann durch LOKALE Mittel oder ORGANOTROPE Mittel behandelt werden. Wenn es gelingt, das Krebsgeschehen durch die Anwendung lokaler oder organotroper Mittel wieder auf die Ebene der Gesamtkrankheit zu holen, dann kann man wieder mit dem Konstitutionsmittel bzw. dem Mittel aufgrund der Totalität der Symptome weiterbehandeln. Emil Schlegel behandelte viele Tumorpatienten und sagte, dass unter der Verwendung der spezifischen (organotropen) Krebsarznei sich später wieder die Symptome zeigen werden, welche die Anwendung der Polychreste erfordern. Wenn das MIASMA oder eine Art Ansteckung eine Blockade zur Heilung darstellt, dann muss man das zuerst angehen. Das heißt, wir müssen das AKTIVE Miasma, die Symptomenkonstellation mit den jetzt angezeigten MIASMATISCHEN ZEICHEN und den AUFFALLENDEN ZEICHEN verwenden, um die richtige Mittelwahl zu treffen.

Dazu schreibt Hahnemann in § 203 "Jede äußere Behandlung solcher Local-Symptome, um sie, ohne die innere miasmatische Krankheit geheilt zu haben, von der Oberfläche des Körpers wegzuschaffen, also den Krätz-Ausschlag durch allerlei Salben von der Haut zu vertilgen, den Schanker äußerlich wegzubeizen und die Feigwarze einzig durch Wegschneiden, Abbinden oder glühendes Eisen auf ihrer Stelle zu vernichten; diese bisher so allgewöhnliche, äußere, verderbliche Behandlung, ist die allgemeinste Quelle aller der unzähligen, benannten und unbenannten chronischen Leiden geworden, worüber die Menschheit so allgemein seufzet; sie ist eine der verbrecherischsten Handlungen, deren sich die ärztliche Zunft schuldig machen konnte und gleichwohl war sie bisher die allgemein eingeführte und wurde von den Kathedern als die alleinige gelehrt." Oje, da schreibt Hahnemann es sei verderblich, äußerliche Lokalsymptome zu behandeln. Aber wenn man genau liest, stellt man fest, dass er schreibt, dass vorher die innere miasmatische Krankheit geheilt sein muss. Und das ist ganz wichtig, um zu erkennen, dass es manchmal erlaubt sein kann, äußerlich lokal zu behandeln, aber gleichzeitig innerlich die miasmatischen Mittel zu geben. Man kann auch sagen, um das Wort Miasma etwas zu umgehen, dass die tiefere innewohnende Ursache als Wichtigstes behandelt werden muss und dann ist es in Spezialfällen gestattet, dazu äußerlich zu behandeln, wenn die Lebenskraft nicht mehr in der Lage ist, den äußeren lokalen Prozess noch zu beeinflussen.

Denn was machte Eli G. Jones?

Er verwendet äußere LOKALE Mittel und innere Mittel und heilte viele Krebse. Er stellt in seinem empfehlenswerten Buch "Krebs - seine Ursache, Symptomatik und Behandlung" viele geheilte Fälle vor, die er mit inneren und äußeren Mitteln behandelt hatte. Wir hatten auch am Anfang in der Klinik diese Methode ausprobiert und alle Mittel und Salben von Eli G. Jones bei einer Apothekerin herstellen lassen. Die Heilungsberichte von Jones waren so beeindruckend, dass Dr. Spinedi meinte, wir müssten versuchen, es nachzumachen. So studierten wir alle Fälle von Jones ganz genau und ich studierte die Anwendung der Salben und Tinkturen. Es war jedoch eine sehr mühsame Aufgabe, da die Anwendung dieser Heilmethode sehr viel Zeit und Aufwand benötigt. Eli G. Jones schrieb, dass er immer nur einen Patienten auf einmal behandelte und wenn der nach Monaten geheilt war, dann den nächsten. Er schreibt in seinem Buch von Brusttumoren, die nach seinen Auflagen und Salben komplett abfallen und darunter gesunde Haut zeigten. So etwas musste geprüft werden. Ich war allerdings bei einer Patientin mit einem exulcerierten Brustkrebs über vier Monate von morgens 8:00 Uhr bis abends 23:00 Uhr voll beschäftigt, um alle zwei Stunden die Auflagen zu wechseln, wie es Eli G. Jones beschrieben hatte. Und zu unserer aller Verwunderung fiel dann auch der Tumor ab und es zeigte sich eine schöne Haut darunter, aber die Patientin hatte vorher bereits multiple Lungenmetastasen und war zu geschwächt, als dass sie sich noch einmal hätte regenerieren können. Auch Clarke schrieb, dass der Krebskranke oftmals nicht am Krebs stirbt, sondern an der Unfähigkeit, die Toxine auszuscheiden. Das war auch der Grund, warum Eli G. Jones sehr oft Hydrastis oder andere innerliche Mittel zur Entgiftung verordnete. Ich habe bei einigen Patienten die Methode von Eli G. Jones versucht und ich hatte das Gefühl, dass es zum einen sehr schmerzhaft für den Patienten ist und dann bin ich mir immer noch nicht klar darüber, ob es nicht doch eine Unterdrückung darstellt. Besonders, wenn man nicht die innerlich zu verwendenden Heilmittel gefunden hat. Ich denke, dass in ausgewählten Spezialfällen eine lokale Behandlung notwendig sein kann, aber das Ziel sollte sein, mit inneren Mitteln Krebs zu heilen.

Dazu schreibt Hahnemann in § 205

"Der homöopathische Arzt behandelt nie eines dieser Primär-Symptome der chronischen Miasmen, noch eines ihrer sekundären, aus ihrer Entwicklung entsprossenen Übel durch örtliche weder durch äußere dynamisch wirkende (1) noch durch mechanische Mittel, sondern heilt, wo sich die einen oder die andern zeigen, einzig nur das große, ihnen zu Grunde liegende Miasma, wovon dann auch (wenn man einige Fälle von veralteter Sykosis ausnimmt) seine primären, so wie seine sekundären Symptome von selbst mit verschwinden; der homöopathische Arzt hat es aber, da dergleichen vor ihm nicht geschah und er leider meist die Primär-Symptome (1) von den bisherigen Ärzten schon äußerlich vernichtet findet, jetzt mehr mit den sekundären, d. i. den von den Ausbrüchen und der Entwicklung dieser inwohnenden Miasmen herrührenden Uebeln, am meisten aber mit den, aus innerer Psora entfalteten, chronischen Krankheiten zu thun. Ich selbst habe mich beflissen deren innere Heilung, so viel ein einzelner Arzt nach vieljährigem Nachdenken, Beobachtung und Erfahrung sie an den Tag zu bringen vermochte, in meinem Buche von den "Chronischen Krankheiten" darzulegen, worauf ich hier verweise."

Anmerkung: § 205

..Ich kann daher z.B. nicht zur örtlichen Ausrottung des sogenannten Lippen- oder Gesichts-Krebses (einer Frucht weit entwickelter Psora nicht selten mit Syphilis in Vereinigung) durch das kosmische Arsenik-Mittel rathen, nicht nur weil es äußerst schmerzhaft ist und öfter mißlingt, sondern mehr deshalb weil, wenn ja dieses Mittel die Körperstelle von dem bösen Geschwüre örtlich befreiet, das Grund-Uebel doch hierdurch nicht zum kleinsten Theile vermindert wird, die Lebens-Erhaltungs-Kraft also genöthigt ist, den Herd für das innere große Uebel an eine noch edlere Stelle (wie sie bei allen Metastasen thut) zu versetzen, und Blindheit, Taubheit, Wahnsinn, Erstickungs-Asthma, Wasser-Geschwulst, Schlagfluß u.s.w. folgen zu lassen. Diese zweideutige, örtliche Befreiung der Stelle von dem bösen Geschwüre, durch das topische Arsenicum-album Mittel, gelingt aber obendrein nur da, wo das Geschwür noch nicht groß, und wo es nicht venerischen Ursprungs, die Lebenskraft auch noch sehr energisch ist; aber eben in dieser Lage der Sache ist auch die innere, vollständige Heilung des ganzen Ur-Uebels noch ausführbar. Eine gleiche ist, ohne vorgängige Heilung des inwohnenden Miasmas, die Folge des, bloß durch den Schnitt weggenommenen Gesichts- oder Brust-Krebses und der Ausschälung der Balg-Geschwülste; es erfolgt etwas noch Schlimmeres darauf, wenigstens wird der Tod beschleunigt. Dieß ist unzählige Male der Erfolg gewesen; aber die alte Schule fährt doch bei jedem neuen Falle in ihrer Blindheit fort, gleiches Unglück anzurichten." Hahnemann warnt deutlich vor der äußerlichen Behandlung und der chirurgischen Entfernung von Tumoren, wenn man das Miasma nicht berücksichtigt hat. Das ist genau das, was wir in der Klinik immer wieder beobachten können. Wir erleben Patienten, die wegen eines Krebsleidens operiert wurden, dann eventuell noch Chemotherapie und Bestrahlung bekommen haben und nach zwei Jahren ist der Krebs wieder da und meist schlimmer als zuvor.

Warum?

Weil die unterhaltende Ursache des Krebsleidens nicht behandelt wurde oder, wie Hahnemann es so schön nennt, das innewohnende Übel oder Miasma nicht ausgemerzt wurde. Wir müssen also in jedem Krebsfall diese unterhaltende oder verborgene Ursache herausfinden und dann mit den entsprechenden Mitteln behandeln. Wenn z.B. eine chronische Unterleibsinfektion zu einer Knotenbildung in den Brüsten führt, dann muss man die Ursache, die chronische Unterleibsinfektion behandeln, damit der Knoten verschwindet. Ansonsten wird dieser Knoten wiederkommen, auch wenn man ihn nur chirurgisch entfernen würde. Burnett schreibt auch, dass viele Brusttumore aufgrund einer Störung im Unterleib herrühren. Burnett kreierte auch den Begriff der Synorganopathie, welche die Zusammenhänge und Wechselwirkungen von Organsystemen aufzeigt. Dieses Wissen hat mir in einem Fall einer Patientin mit einem Schilddrüsenkarzinom sehr geholfen (siehe Fallbericht Nr. 4, Schilddrüsenkrebs).

Dazu schreibt Hahnemann in § 206

"Vor dem Beginnen der Cur eines chronischen Uebels muß nothwendig die sorgfältigste Erkundigung vorausgehen, ob der Kranke eine venerische Ansteckung (oder auch eine Ansteckung mit Feigwarzen-Tripper) gehabt hatte; denn dann muß gegen diese die Behandlung gerichtet werden und zwar ausschließlich, wenn bloß Zeichen der Lustseuche (oder der, seitnern, Feigwarzen-Krankheit) vorhanden sind, dergleichen aber in neuern Zeiten sehr selten allein angetroffen werden. Rücksicht aber, wenn dergleichen Ansteckung vorangegangen war, muß auf sie auch in dem Falle genommen werden, wo Psora zu heilen, weil dann letztere mit ersterer complicirt ist, wie immer, wenn die Zeichen jener nicht rein sind; denn stets, oder fast stets wird der Arzt, wenn er eine alte, venerische Krankheit vor sich zu haben wähnt, eine vorzüglich mit Psora vergesellschaftete (complicirte) zu behandeln haben, indem das innere Krätz-Siech-thum (die Psora) bei weitem die häufigste Grundursache der chronischen Krankheiten ist. Er wird auch zuweilen diese beiden Miasmen noch mit Sykosis, in chronisch kranken Körpern komplicirt, zu bekämpfen haben, wenn eingeständig, letztere Ansteckungen einst geschehen waren, oder er findet, wie ungleich öfterer vorkommt, die Psora als alleinige Grund-Ursache aller übrigen chronischen Leiden (sie mögen Namen haben wie sie wollen) die vorher durch allöopathische Unkunst oft noch obendrein verpfuscht und zu Ungeheuern erhöhet und verunstaltet zu werden pflegen."

Das ist moderne Wissenschaft, was Hahnemann da schreibt. Wir wissen heutzutage, dass Feigwarzen durch Papillomaviren ausgelöst werden und dass diese Viren aufgrund spezieller Mechanismen Tumorpromoter sind (siehe Kapitel Papillomaviren und Krebsentstehung). Aber dieser Paragraf ist zudem noch ungeheuer wichtig, da er über die komplizierten Krankheiten spricht. Wir finden bei den meisten Krebspatienten eine Vermischung der Miasmen und so ist das Bild oft nicht klar und es stellt sich immer die Frage, an welchem Punkt und aufgrund welcher Symptome man die Therapie beginnen soll.

Hahnemann schreibt später, dass man in einem komplizierten Krankheitsfall zuerst die Psora behandeln muss und dann die anderen komplizierten Miasmen. J. H. Allen dagegen schreibt, dass man zuerst das AKTIVE Miasma behandeln muss, um die Bindung zweier Miasmen zu lösen (J. H. Allen - Die Chronischen Krankheiten - die Miasmen). Meiner Erfahrung nach ist es der beste Weg, zuerst das aktive Miasma aufgrund der jetzt vorherrschenden Symptomengruppe zu behandeln. Wir müssen natürlich die vordergründigen Symptome des aktiven Miasmas nehmen. Wenn wir einen Patienten haben, der viele syphilitische Zeichen aufweist und das Tumorgeschehen auch im syphilitischen Miasma angesiedelt ist, dann wird uns eine psorische Arznei nicht helfen.

Die Wirkrichtung muss sein, dass z.B. nach einer verordneten sykotischen Arznei die sykotischen Symptome verschwinden und wieder alte psorische Symptome erscheinen. Das ist die richtige Heilrichtung. Wenn wir aber syphilitische Symptome bekommen, dann ist das eine Entwicklung in die falsche Richtung und wir haben die sykotischen Symptome nur unterdrückt. Wir können mit der Homöopathie viele Symptome einer Krankheit unterdrücken, ohne die Krankheit wirklich zu heilen, wenn das Mittel nicht dem aktuellen Miasma entspricht. Wie auch schon Dr. Vijayakar aus Indien vorgeschlagen hat, sollte man die Hering" sehe Regel noch um den Punkt erweitern, dass man die Heilungsrichtung im Bezug auf die Miasmen hinzunimmt. Es sollten nach einer Mittelgabe für sykotische Symptome diese verschwinden und alte psorische Symptome erscheinen, das ist die richtige Heilungsrichtung. Treten dagegen syphilitische Symptome in den Vordergrund, dann haben wir die sykotischen Symptome unterdrückt und das syphilitische Miasma aktiviert, welches noch schlimmer ist. Die Heilungsrichtung muss von Syphilis über Sykosis nach Psora erfolgen, dann sind wir auf dem richtigen Weg.

Was ist nun die beste Methode, um Krebs zu behandeln? Wir müssen von allen, die bisher mit Homöopathie behandelt haben, lernen und von jedem das Beste nehmen. Ich habe versucht, nach dem Studium der Behandlungsweisen von Clarke, Burnett, Kent, Eli G. Jones, Schlegel, Grimmer, Ramakrishnan, Pareek und den Erfahrungen in unserer Klinik und natürlich der großen Erfahrung meines Lehrers Dr. Spinedi ein Konzept zu erarbeiten, mit dem es mir in einigen Fällen gelungen ist, Krebs zu heilen und in vielen Fällen die Beschwerden krebskranker Menschen zu lindern. Wir versuchen in der Klinik, möglichst vielen Patienten zu helfen, aber man kann nicht alle heilen. Viele Menschen begleiten wir auf ihrem Weg und versuchen, ihren Leidensweg mithilfe der Homöopathie zu erleichtern.“




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